Osteopathie

Geschichte der Osteopathie

Der amerikanische Arzt Andrew Taylor Still, der drei Kinder an entzündlicher Meningitis verlor, begründete auf der Suche nach eine „besseren“ Medizin 1874 die Osteopathie. Er hatte erkannt, dass funktionelle Störungen in der Wirbelsäule Gesundheitsstörungen im ganzen Körper hervorrufen können und entwickelte mit der Osteopathie ein Medizinsystem, mit dem Funktionsstörungen im gesamten Körper behandelt werden können. So erklärt sich der Begriff Osteopathie, der sich von den beiden griechischen Wörtern Osteon = der Knochen und Pathos = die Krankheit ableitet. A.T. Still gründete 1892 das erste osteopathische College.

Seither entwickelt sich die Osteopathie mit der Verbesserung der Grundlagenkenntnisse stetig weiter. So beschrieb W.G. Sutherland 1939 die Behandlungsprinzipien der craniosacralen Osteopathie und in Frankreich entwickelte der Osteopath J.P. Barral 1970 die visceralen Behandlungsprinzipien.
In den USA ist seit ca. 1960 das Studium der Osteopathie eine vollständige akademische Ausbildung und dem Medizinstudium gleichgestellt. In Europa hat sich die Osteopathie erst im Verlauf des 20. Jahrhunderts verbreitet. 1987 haben Osteopathen im Rahmen der Europäischen Konvention für Osteopathie in Brüssel versucht, den Begriff neu zu definieren: „Die Osteopathische Medizin ist eine Kunst, eine Wissenschaft und eine Philosophie medizinischer Behandlungen, geprägt von wissenschaftlichen Erkenntnissen, welche in ständiger Weiterentwicklung begriffen sind. Ihre Philosophie umfasst das Konzept der Einheit der Struktur des lebenden Organismus und seiner Funktionen. Ihre Spezifität besteht aus der Anwendung einer Therapieform, die darauf abzielt, die Beweglichkeitsbeziehungen und Fluktuationen anatomischer Strukturen zu reharmonisieren. Ihre Kunst besteht in der Anwendung ihrer Konzepte in der medizinischen Praxis in all Ihren Disziplinen und Spezialgebieten. Ihre Wissenschaftlichkeit beruht insbesondere auf Kenntnissen des Verhaltens, der Chemie, Physik und Biologie, die für den Erhalt und die Wiedererlangung der Gesundheit, zur Prävention von Krankheiten sowie zur Verbesserung der Befindlichkeiten des Erkrankten relevant sind.“ (Pascal Evrard, Lehrbuch der strukturellen Osteopathie beim  Pferd)

In Deutschland gibt es heute eine Vielzahl von Privatschulen, die Human-Osteo-pathen ausbilden. Diese Ausbildung ist jedoch nicht mit dem Vollstudium der osteopathischen Ärzte in den USA vergleichbar, da es in Deutschland bis heute kein Berufsbild Osteopath und keine einheitliche, staatlich geregelte Ausbildung gibt.

 

Osteopathie bei Tieren

 In der Geschichte der Veterinär-Osteopathie spielen ebenfalls die französischen Kollegen eine herausragende Rolle, allen voran die beiden Kollegen Dr. Dominique Giniaux und Dr. Francis Lizon. In den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts machten beide neben ihrer tierärztlichen Tätigkeit in chirurgisch orientierten Praxen eine Ausbildung zum Humanosteopathen und begannen schnell, die am Menschen erlernten Behandlungsmethoden auf Pferde und Kleintiere zu übertragen. Daraus entwickelten sie osteopathische Techniken für Pferde und Kleintiere, die Dr. Lizon zusammen Dr. Bouchet in den frühen 80er Jahren in einer private Osteopathieschule, IMEV, an interessierte Kollegen weiterzugeben beginnt. Aus der IMEV entsteht die heutige AVETAO Académie vétérinaire d´acupuncture et d´ostéopathie. Heute besteht für französiche Kollegen die Möglichkeit, durch den Nachweis von 500 Ausbildungsstunden und Überprüfung durch eine Kommission an der Veterinäruniversität in Lyon offiziell eine Spezialisierung als Veterinärosteopath dokumentieren zu dürfen.

In Deutschland gibt es auch im Bereich der Veterinärosteopathie keine Berufsbild und keine staatlich geregelte Ausbildung. Allerdings bestehen inzwischen wie im Humanbereich eine Vielzahl von Schulen, die z.T. Bewerber ohne medizinische Vorkenntnisse in Wochenendkursen zum Tierosteopathen ausbilden.

Die erste große deutsche Schule für Pferdeosteopathie, das Deutsche Institut für Pferdeosteopathie (DIPO), entstand 1997 unter Leitung der Humanphysiotherapeutin und -osteopathin Beatrix Schulte Wien und bediente sich in den ersten Jahren des bekannten belgischen Osteopathen Pascal Evrard für die veterinärosteopathische Lehre. Eine Reihe weiterer deutscher und ausländischer Institute, (u.a. ICREO, TIAMO, Zentrum für Osteopathische Schulung, Schule für osteopathische Pferdetherapie, energetische Osteopathie etc.) mit  mehr oder weniger umfassenden Ausbildungsgängen entstanden seither. Auf Betreiben der Akademie für Tierärztliche Fortbildung ATF wird seit 2002 eine Ausbildung für Kleintiere angeboten mit z.Zt. weniger als 100 Fortbildungsstunden. Die französische Osteopathieschule TIAMO bietet 2006 erstmals einen kompletten Ausbildungsgang mit allen etablierten ostepathischen Techniken bei Groß- und Kleintier für Tierärzte an. Ab 2009 wird es an der Tierärztlichen Akademie für Osteopathie wieder eine umfassende Grundausbildung für Tierärzte durch Fachleute der AVETAO geben.

 

Krankheitsbilder

Aus rechtlichen Gründen wird hier ausdrücklich darauf hingewiesen, dass in der Benennung der beispielhaft aufgeführten Anwendungsgebiete, insbesondere auch in den Fallbeschreibungen aus unserer Praxis selbstverständlich kein Heilversprechen oder die Garantie einer Linderung oder Verbesserung aufgeführter Krankheitszustände liegen kann. Die aufgeführten Anwendungsgebiete beruhen auf Erkenntnissen und Erfahrungen in der hier vorgestellten Therapierichtung „Osteopathische Medizin“. Nicht für jeden Bereich besteht eine relevante Anzahl von gesicherten wissenschaftlichen Erkenntnissen, evidenzbasierten Studien, die die Wirkung bzw. die therapeutische Wirksamkeit belegen.

Analog der Humanmedizin sind auch die tierischen Patienten der osteopathisch arbeitenden Tierärzte vom Jungtier bis zum Senior zahlreich gestreut. So können sehr lange oder sehr schnelle Geburten, Hinterendlagen oder Geburtsstillstand mit manueller Geburtshilfe oder Kaiserschnitt zu Störungen beim Neugeborenen führen, die durch osteopathische Behandlung behoben werden können. Dazu folgende Beispiele:

  1. Vorgestellt wurde in unserer Praxis ein 9 Wochen alter Katzenwelpe, der seit der Abgabe durch den Züchter bei den neuen Besitzern an seiner Schwanzspitze knabberte. Die neuen Besitzer hatten schon einige Tage versucht, das Problem mit Salben und Verbänden in den Griff zu bekommen. Bei Vorstellung in unserer Praxis war die äußerste Schwanzspitze bereits so weit abgestorben und verkrustet, dass eine Schwanzteilamputation empfohlen werden musste. Wegen des hohen Narkoserisikos bei Welpen baten die Besitzer um eine Alternative. Deshalb wurde der Wundbereich konservativ versorgt und der Welpe nach Grundsätzen der Osteopathie untersucht und nach den Prinzipien der craniosacralen Osteopathie behandelt. Der Welpe hat seit der Behandlung nicht mehr an seiner Schwanzspitze geknabbert, die Wunde heilte innerhalb von 8 Tagen komplikationslos ab.
  2. Vorgestellt wurde in unserer Praxis ein 8 Monate alter Labrador mit Lahmheit an einem Vorderbein. Beide Vorderbeine waren jedoch in Röntgen- und CT-Untersuchung ohne Befund. Daher hatte ein chirurgisch sehr versierter Kollege empfohlen, die Ellbogengelenke zu arthroskopieren, um die Lahmheitsursache zu finden. Die Besitzerin wollte das junge Tier jedoch nur ungern operieren lassen und stellte ihren Hund in unserer Praxis vor. Die Untersuchung ergab eine Störung im Bereich des Beckenringes infolge Geburt in Hinterendlage. Der Hund wurde nach den Prinzipien der Osteopathie behandelt und nach 14 Tagen nachkontrolliert. 6 Monate später wurden die zuchthygienisch vorgeschriebenen HD-/ED-Röntgenuntersuchungen angefertigt und vom Gutachter als HD-frei und ED-frei beurteilt. Der Hund hat bis zum heutigen Tag trotz intensiver sportlicher Tätigkeit nicht mehr gelahmt.

Aus Sicht des Veterinärosteopathen sind Jungtiere mit Saug- und anderen Verhaltensstörungen sowie mit Koordinationsstörungen in der Grobmotorik oder Feinmotorik, Gangstörungen, vor allem „Einwärtsgang“, Verkrümmungen der Wirbelsäule oder des Brustkorbes, Entwicklungsverzögerungen motorisch und ungeklärtem Leck- und Beißverhalten an Vorder-/Hinterbeinen und Schwanz mit hoher Wahrscheinlichkeit durch Geburtsprobleme funktions-gestört und potentielle Osteopathiepatienten.

Auch beim erwachsenen Tier sind die chronischen Schmerzpatienten, die sich häufig durch Verhaltensstörungen, wie Aggression oder Arbeitsunlust, oder durch Gangbildauffälligkeiten äußern, klassische Patienten der osteopathi-schen Medizin. Hier sind u.a. Schmerzen und Bewegungseinschränkungen an der Wirbelsäule, an den großen Gelenken wie Schulter, Ellenbogen, Knie, Hüfte, Sprunggelenk insbesondere nach Unfällen mit Verletzungen der Wirbelsäule oder der Extremitäten zu nennen. Darüber hinaus sind analog der Humanmedizin u.a. nervöse Magen-Darm-Beschwerden, Reizdarm, Blaseninkontinenz infolge Kastration, chronische Entzündung der Prostata (Prostatitis) klassische Indikationen für eine osteopathische Behandlung.

Hierzu auch ein Beispiel aus unserer Praxis: Vorgestellt wurde ein 2 Jahre alter, sehr schlanker Schäferhund, der seit der Übernahme vom Züchter kümmerte und nachts dreimal gefüttert werden musste, weil er sonst anfing zu würgen und erbrach. Der Hund war bereits ohne Befund geröntgt. Daraufhin wurde eine endoskopische Untersuchung von Speiseröhre und Magen durchgeführt, bei der eine kleine Aussackung an der Speiseröhre festgestellt wurde. Alle therapeutischen Versuche, das nächtliche Würgen durch Medikamente oder Futterumstellung in den Griff zu bekommen, waren gescheitert. Hund und Besitzer waren verzweifelt. Die Untersuchung in unserer Praxis ergab eine funktionelle Störung in Bereich von Zwerchfell und Magen. Diese wurden osteopathisch behandelt. Seither schlafen Hund und Besitzer nachts durch, Würgen oder Erbrechen traten nicht mehr auf und der Hund hat innerhalb von 4 Wochen endlich 1 kg Gewicht zugenommen.

Wie beim Menschen stellen wir auch in der Veterinärosteopathie immer wieder fest, wie wichtig Traumen im Leben des Tieres sind. Unter einem Träuma versteht man plötzlich eintretende körperliche oder seelische Schädigungen durch ein akutes Ereignis. Beim Hund sind es allen voran Bißverletzungen, Auto- oder Sportunfälle, aber auch die klassischen Routineeingriffe wie Entfernung eines stehen gebliebenen Milchfangzahns, Kastration und die trotz Verbot durch das Tierschutzgesetz immer noch durchgeführten Amputationen von Daumen- und Wolfskrallen. Aber auch der Tod der Bezugsperson oder des tierischen Lebenspartners können Ursachen körperlicher Störungen beim Tier sein, die zur Wiedererlangung der alten Lebensqualität osteopathisch behandelt werden können.

Auch hierzu ein Beispiel aus unserer Praxis: Vorgestellt wurde ein 6 Jahre alter Mischling, der 2 Jahre zuvor mit seiner Besitzerin zusammen in einen Autounfall verwickelt wurde. Die Besitzerin wurde dabei so schwer verletzt, dass sie mehrere Wochen im Krankenhaus verbringen musste. Der Hund wurde ebenfalls aus dem zerstörten Auto herausgeschnitten und sofort in ein Tierheim verbracht. Erst 6 Wochen später sahen Hund und Besitzerin wieder. Im weiteren Zusammenleben entwickelten sich zunehmende Probleme mit dem Hund in Form von Ungehorsam bis hin zu Aggression und Gangbildauf-fälligkeiten. Auch die bis dahin geliebten gemeinsamen sportlichen Aktivitäten von Hund und Besitzerin wurden durch den Ungehorsam zunehmend zur Belastung. Der Besuch in unserer Praxis war der letzte Versuch vor der Trennung. Die Untersuchung ergab eine seelische Belastung durch das unausgesprochene Schuldgefühl von Hund und Besitzerin, den anderen im Stich gelassen zu haben in der Unfallsituation, und eine Störung im Bereich der Halswirbelsäule und des Kopfes, offensichtliche Folge des Schleuder-traumas. Der Hund wurde zweimal in unserer Praxis nach den Prinzipien der Osteopathie behandelt. Nach der ersten Behandlung haben sich die „Beziehungsprobleme“ vollständig gelöst.

 

Dauer der Behandlung und Kosten

A.T.Still formulierte folgende Thesen, die auch heute noch uneingeschränkt Geltung besitzen:

  • Grundlage der Gesundheit ist die optimale Funktion.
  • Am Bewegungssystem zeigen sich Funktionsstörungen aller Organe.
  • Behandlungen am Bewegungssystem haben Einfluß auf die Funktionen des Gesamten Körpers.

Das bedeutet, dass jeder Organismus die grundsätzliche Fähigkeit besitzt durch ein komplexes Gleichgewichtssystem im Verlauf einer Erkrankung zur Selbstheilung zu finden. Osteopathisch arbeitende Therapeuten unterstützen diese Selbstheilungskräfte gezielt, in dem sie mit manuellen Techniken, d.b. ausschließlich mit den Händen arbeitend, die Selbstregulation von Struktur (Knochen, Faszien, Eingeweide, vegetativem sowie willkürlichem Nervensystem, Flüssigkeiten) und Funktion behandeln. Dabei entscheidet der erfahrene Therapeut aufgrund der Befunde des Gewebes des Patienten und des körperlichen und seelischen Befindens des Patienten in welcher Reihenfolge er die diagnostzierten Funktionsstörungen behandelt. Jeder Patient wird individuell behandelt.

Eine Behandlung dauert in der Regel 20-30 Minuten. Durch den etwas erhöhten Aufwand bei einer Erstvorstellung durch Gangbilddiagnostik, Vorberichts-aufnahme und Beratung der Besitzer dauert eine Erstbehandlung in der Regel  45-60 Minuten. Normalerweise werden 2 Kontrollen nach 2-3 Wochen sowie eine 3. Kontrolle nach 6-12 Wochen empfohlen. Die meisten Besitzer entwickeln während dieser Zeit ein so gutes Gefühl für das Wohlbefinden ihres Tieres, dass sie in der Zukunft selbständig bei Bedarf einen Kontrolltermin machen.